Ankommen im Ausland braucht keinen perfekten Moment. Warum Du nicht warten musst, bis alles geregelt ist, und was ein Lapacho Dir darüber zeigt.

Ankommen im Ausland stellen sich viele wie eine Ziellinie vor. Irgendwann sind die Papiere durch, die Sprache sitzt, die ersten Freundschaften stehen, und dann, endlich, beginnt das neue Leben. Nach fast fünf Jahren in Paraguay sehe ich das anders. Ankommen ist keine Linie, die Du überquerst. Es ist etwas, das Du jeden Tag ein Stück tust, oft lange bevor Du Dich bereit fühlst.
Was ein Lapacho übers Ankommen weiß
Wenn Du in diesen Wochen durch Asunción gehst, kommst Du an ihnen nicht vorbei: Die Lapachos blühen. Rosa, leuchtend, über Straßen, Plätzen und alten Kolonialfassaden. Das Besondere daran ist nicht nur die Farbe. Der Baum blüht, während seine Äste noch kahl sind. Kein einziges Blatt, und trotzdem die ganze Pracht.
Der Lapacho wartet nicht, bis sein Kleid vollständig ist. Er blüht mit dem, was er hat. Und genau darin steckt eine Lektion für alle, die ihr Leben in ein neues Land verpflanzt haben.

Das Wartezimmer, das zum Wohnzimmer wird
Beim Auswandern bauen wir uns gern ein gemütliches Wartezimmer. ?Wenn erst die Aufenthaltspapiere fertig sind. Wenn ich die Sprache richtig kann. Wenn ich ein paar Leute kenne.? Jeder dieser Sätze klingt vernünftig. Zusammen ergeben sie aber einen Raum, in dem man erstaunlich lange sitzen kann.
Das Tückische: Das Wartezimmer fühlt sich nach Vorbereitung an. In Wahrheit läuft das Leben draußen weiter, nur eben ohne Dich. Die Einladung zum Grillen, das Gespräch mit der Nachbarin, die Veranstaltung, von der Du gehört hast, all das passiert heute und nicht erst dann, wenn Du Dich fertig fühlst.
Unser Startup-Kongress: Spanisch lernen als Auswanderer, live und ungeschönt
Nach knapp drei Jahren in Paraguay waren wir ziemlich mutig. Wir sind zu einem Startup-Kongress gegangen. Das Paraguay-Spanisch hatten wir bis dahin so einigermaßen verinnerlicht. Wir konnten 70 bis 80 Prozent von dem verstehen, was präsentiert und worüber geredet wurde. Für uns war das ein echter Fortschritt.
Dann kamen die Speaker aus Bolivien, Argentinien, Kolumbien und Chile auf die Bühne. Gleiche Sprache, aber jedes Land mit seinem eigenen Spanisch. Das war dann doch zu viel.
Ich denke dabei an das Ñandutí, die feine paraguayische Spitze aus Itauguá, die wie ein Spinnennetz aus vielen bunten Fäden entsteht. Wir hatten gerade gelernt, ein paar dieser Fäden zu halten, und plötzlich kamen lauter neue Farben dazu. Das Muster war größer, als wir gedacht hatten.
Und trotzdem: Wir saßen im Saal. Nicht erst, nachdem wir jedes Spanisch dieser Welt verstanden hätten, sondern mit dem Spanisch, das wir hatten. Genau das ist Blühen mit kahlen Ästen.

Neuanfang im Ausland: Kleine Blüten zählen
Blühen muss nicht groß sein. Beim Neuanfang im Ausland sind es oft die unscheinbaren Momente, die zeigen, dass Du wirklich da bist:

Jeder dieser Momente ist eine kleine Blüte. Keine davon braucht perfekte Voraussetzungen. Sie brauchen nur, dass Du hingehst.
Leben in Paraguay: Warum ?unfertig? kein Makel ist
Wer mit über 50 auswandert, bringt viel Erfahrung mit. Das ist ein Geschenk, kann aber auch zur Falle werden. Wir sind es gewohnt, Dinge im Griff zu haben. Sich wieder als Anfängerin zu fühlen, mit Lücken in der Sprache und Fragezeichen im Alltag, fühlt sich ungewohnt an.
Das Leben in Paraguay hat mir gezeigt, dass unfertig kein Makel ist. Es ist schlicht der Zustand, in dem Wachstum passiert. Der Lapacho bekommt seine Blätter übrigens auch noch. Sie kommen nach der Blüte, nicht davor.

Kurz zusammengefasst
Und jetzt Du: Wofür wartest Du gerade auf den richtigen Moment, obwohl Du eigentlich schon blühen könntest?