Wenn die Mango-Saison endet, beginnt die Avocado-Zeit. Was uns Früchte in Paraguay über Loslassen und Neuanfang lehren können.
... oder was uns Früchte über das Leben lehren
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Vorbei, so schnell schon wieder vorbei.
Ich genieße den letzten Bissen meiner Mango und schließe für einen Moment die Augen. Diese Früchte mit ihrer teilweise grünen, teilweise roten Schale und dem orange-goldenen Fruchtfleisch haben in den vergangenen Wochen mein Frühstück versüßt und manch schwülen Nachmittag gerettet. Unser Nachbar hat sie uns geschenkt, so wie jedes Jahr. Und jedes Jahr werde ich ein bisschen melancholisch, wenn die Saison zu Ende geht.
Dabei weiß ich genau, dass sie wiederkommen. Aber bis dahin ist es noch eine Weile hin. Und die Mangos aus dem Supermarkt, meist aus Brasilien, sind halt einfach etwas anderes.
Ich wische mir den Saft von den Fingern und schaue vom Balkon in den Garten. Die Morgensonne taucht alles in warmes Licht, der Tau glitzert noch in den Spinnweben. Dort, im Nachbargarten, leuchten die sternförmigen Karambolen. Das helle Grün der unreifen Früchte wird sich in den nächsten Tagen in ein sattes Gelb verwandeln. Und mein Mann hat dieses Jahr wunderbare Mango-Konfitüre gekocht, also ist der Abschied nicht ganz so endgültig.
Weiter hinten erkenne ich die ersten Avocados am Baum. Bald. Mit Limettensaft und einer Prise Salz auf frischem Brot. Ich freue mich schon.
Seit ich in Paraguay lebe, hat sich mein Verhältnis zu den Jahreszeiten grundlegend verändert. Statt Erdbeeren im Juni und Pflaumen im September bestimmen nun Maracuja, Mango, Papayas und Avocado meinen persönlichen Ernte-Kalender. Die kleinen grünen Papageien führen jeden Morgen ihre lautstarken Gespräche in den Bäumen, eine Eidechse huscht über die sonnengewärmte Wand, und ich sitze mittendrin und staune, dass mir das inzwischen so normal vorkommt.
Das Loslassen fällt mir trotzdem noch schwer. Nicht nur bei den Früchten. Mein Mann sagt dann immer mit seinem verschmitzten Lächeln: Schau auf alles, was kommt, statt zu bedauern, was geht. Er hat recht. Nach den Avocados kommen...ja tatsächlich, Kakis und Erdbeeren. Und auf Ananas, Papayas und Bananen ist fast das ganze Jahr über Verlass.
Ich frage mich manchmal, ob ich früher in Deutschland die Jahreszeiten wirklich wahrgenommen habe. Den Wechsel schon, klar, von klirrender Kälte zu Sommerhitze, von buntem Frühling zu farbenreichem Herbst. Aber diese subtilere Art, wie hier die Früchte die Zeit markieren wie ein natürlicher Kalender, das kannte ich nicht.
Und während ich das denke, wird mir klar, dass es eigentlich nicht um Früchte geht. Es geht um die Fähigkeit, einen Moment wirklich zu genießen und ihn dann loszulassen, wenn seine Zeit vorbei ist. Dankbar für das, was war. Neugierig auf das, was kommt.
Das ist vielleicht die stillste und gleichzeitig tiefste Lektion, die mir Paraguay beigebracht hat. Nicht in einem Kurs, nicht in einem Gespräch. Sondern auf dem Balkon, mit einer Mango in der Hand.
Wenn du gerade selbst mitten in einem Loslassen steckst, ob von einem alten Leben, einer alten Vorstellung oder einfach von dem, was du dir anders gedacht hattest, dann weißt du vielleicht, wovon ich rede. Und wenn du darüber sprechen möchtest, bin ich da.
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