Zwischen Mango, Avocado und Karambole erzählt das Leben in Paraguay vom Loslassen, vom Wandel der Zeit – und von der Kunst, im Moment zu sein.
... oder was uns Frchte ber das Leben lehren
???

'Vorbei, so schnell schon wieder vorbei', denke ich wehmtig, als ich den letzten Bissen meiner Mango geniee. Die s-saftige Frucht ist eine der letzten dieser Saison, die ich von unserem Nachbarn geschenkt bekommen habe. Ich schliee fr einen Moment die Augen und lasse den charakteristischen Geschmack auf meiner Zunge zergehen. Wie sehr werde ich diese Frchte mit teilweise grner und teilweise roter Schale sowie orange-goldenem Fruchtfleisch vermissen, die in den vergangenen Wochen mein Frhstck verst und manch schwlen Nachmittag in Form von Fruchtsorbet ertrglicher gemacht haben!
Es ist jedes Jahr dasselbe: Wenn die heimische Mango-Saison hier in Paraguay zu Ende geht, werde ich ein wenig melancholisch. Dabei wei ich doch, dass sie im nchsten Jahr wiederkommen werden, diese kstlichen Frchte, die mir inzwischen so sehr ans Herz gewachsen sind. Doch bis dahin ist es noch eine ganze Weile hin. Und natrlich gibt es auch welche im Supermarkt, die meist aus Brasilien kommen, zu kaufen. Jedoch ist das ?ganz etwas Anderes?.
Seufzend wische ich mir den Saft von den Fingern und blicke vom Balkon in den Garten. Die Morgensonne taucht alles in ein warmes Licht, und der Tau glitzert noch in den Spinnweben zwischen den Zweigen. Es ist faszinierend: Es gibt Tage, an denen es tagsber super-hei ist und dennoch, so wie heute, taut es. Und ich wei, dort, im Nachbargarten, leuchten die sternfrmigen Karambolen. Das helle Grn der unreifen Frchte wird sich in den kommenden Tagen in ein sattes Gelb verwandeln. 'Wie gut', denke ich bei mir, 'dass die Natur uns immer etwas Neues schenkt, wenn wir von etwas anderem Abschied nehmen mssen.' Und mich trstet der Gedanke, dass mein Mann dieses Jahr wunderbare Mango-Konfitre fr uns gekocht hat, so dass der Mango-Genuss, wenn auch in vernderter Form, doch noch eine Weile andauern wird,
Mein Blick wandert weiter zu dem nahe gelegenen Avocado-Baum. Die ersten Frchte sind bereits zu erkennen, und schon in Krze sind die ersten cremigen Exemplare erntereif. Ich freue mich schon darauf, wieder mein geliebtes Avocado-Brot zum Frhstck genieen zu knnen, garniert mit ein paar Spritzern Limettensaft und einer Prise Salz.
Whrend ich die letzten Mangokerne zusammen mit anderen Abschnitten und organischen Resten zum frisch gegrabenen Kompost-Loch bringe, wird mir bewusst, wie sehr sich mein Leben seit meinem Umzug nach Paraguay verndert hat. Der Rhythmus der Frchte ist wie der Rhythmus des Lebens geworden - ein ewiges Kommen und Gehen, ein stetiger Wechsel, auch der Farben in der Natur. Ich muss leise lcheln, als ich daran denke, wie anders dieser Rhythmus hier ist im Vergleich zu dem, was ich aus meiner deutschen Heimat kenne. Statt Erdbeeren im Juni und Pflaumen im September bestimmen nun Maracuja, Mango, Papayas und Avocado meinen persnlichen Erntekalender.
Das Loslassen fllt mir dabei immer noch schwer. Nicht nur bei den Frchten, sondern auch bei vielen anderen Dingen des Lebens. Doch die Natur lehrt mich jeden Tag aufs Neue, dass das Loslassen wichtig ist, um Platz fr Neues zu schaffen. Wie sonst knnte ein Baum neue Frchte tragen, wenn er die alten nicht fallen lsst?
Mein Mann hat ein besonderes Gespr fr meine manchmal etwas wehmtige Stimmung. "Chrie", sagt er dann immer mit seinem verschmitzten Lcheln, "schau? doch auf alles, was kommt, statt zu bedauern, was geht?. Das ist seine ganz spezielle Art, mir zu zeigen, dass es immer etwas gibt, auf das man sich freuen darf. Und er hat ja soooo Recht! Nach den Avocados kommen die Guaven, und fast das ganze Jahr ber ist ?Verlass? auf Ananas, Papayas und Bananen.
Ich setze mich auf den Balkon und lasse meinen Blick ber den Garten schweifen. Die kleinen grnen Papageien in den Bumen fhren wie jeden Morgen ihre lautstarken Gesprche zusammen mit Dutzenden anderer Vgel, deren Namen ich leider (noch) nicht kenne, und eine kleine Eidechse huscht ber die sonnengewrmte Wand. Der Tag erwacht, und mit ihm erwachen auch neue Mglichkeiten, Chancen und Ideen.
Manchmal frage ich mich, ob ich frher in Deutschland auch die Jahreszeiten so intensiv wahrgenommen habe. Klar, der Wechsel war dort viel deutlicher zu spren - von klirrender Klte zu sommerlicher Hitze. Und der Farbkontrast vom bunten Frhling zum farbenreichen Herbst ist kein Vergleich. Doch hier in Paraguay sind es die subtileren Vernderungen, die mich faszinieren. Die verschiedenen Frchte markieren den Lauf der Zeit wie ein natrlicher Kalender, und auch die verschiedenen Farben der nacheinander blhenden Bume gehren zu diesem natrlichen Rhythmus.
Heute Nachmittag werde ich nach Asuncin zum AgroMarket fahren. Vielleicht gibt es ja dort noch spte Mangos fr mich. Auch wenn nicht - ich wei, dass die andere Frchten bald reif sein werden. Hier bin ich inzwischen ein groer Fan der Karambolen, auch als Sternfrucht bekannt, geworden. Ihre sternenfrmige Form erinnert mich immer daran, dass das Leben voller Wunder ist, wenn man nur bereit ist, sie zu sehen. Sie sind im brigen deutlich leckerer als die unreif-grne Bffet-Deko, die ich sonst aus Europa kannte.

Und whrend ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, wird mir klar: Es geht nicht nur um Frchte. Es geht um die Kunst, den Moment zu genieen und gleichzeitig loszulassen, wenn es Zeit dafr ist. Es geht darum, dankbar zu sein fr das, was war, und sich zu freuen auf das, was kommt. Eine Lektion, die mir mein Leben hier in Paraguay jeden Tag aufs Neue beibringt.
Die Sonne steht mittlerweile hher, und die Hitze des Tages kndigt sich an. Zeit, ins Haus zu gehen und den Tag zu beginnen. Vielleicht werde ich heute Nachmittag dann ein paar Limetten mitbringen und zusammen mit ?Burrito? und Minze eine erfrischende Limonade zaubern. Und whrend ich das plane, merke ich, dass die Wehmut ber die zu Ende gehende Mango-Zeit schon ein wenig verflogen ist.
So ist das Leben hier: Ein stndiger Wandel, ein ewiger Kreislauf von Werden und Vergehen, von Abschied und Neubeginn. Und ich mittendrin, lernend, wachsend und dankbar fr jede neue Erfahrung, die mir dieser besondere Ort schenkt.