Gewohnheiten hinterfragen, ohne alles umzuwerfen: Warum normal oft nur Gewohnheit ist und wie Du Deine Selbstverständlichkeiten freundlich prüfst.
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Du stehst morgens auf, kochst Kaffee, nimmst denselben Weg zur Arbeit und antwortest auf die Frage nach dem Wochenende mit demselben Satz wie immer. Nichts davon fühlt sich wie eine Entscheidung an. Es ist einfach normal. Wer Gewohnheiten hinterfragen will, stolpert genau hier: Das Normale sieht man nicht, weil man mittendrin steht.


Ich habe das erst richtig gemerkt, als ich in ein Land gezogen bin, in dem vieles anders normal ist.


Ein Wort mit Heimatadresse

In Deutschland trinkt man Tee meistens heiß aus der Tasse. In Paraguay wandert der Tereré in der Guampa von Hand zu Hand. Im heißen Sommer wird er eiskalt aufgegossen, in den übrigen Monaten mit zimmerwarmem Wasser. Und im Winter gibt es Cocido: gerösteten Yerba Mate, mit heißem Wasser aufgegossen, als Ersatz für Kaffee, gern mit Honig, Milch oder Sahne.


Niemand hier findet das bemerkenswert. Es ist einfach so. Und genau das ist der Punkt: Normal ist kein Naturgesetz. Normal ist ein Wort mit Heimatadresse. Was an einem Ort selbstverständlich ist, wirkt am anderen Ort fremd, und beide Seiten haben recht.


Einkaufen als kleiner Staffellauf

Besonders deutlich zeigt sich das beim Einkaufen. In vielen Läden in Paraguay, außer im Supermarkt, ziehst Du zuerst eine Wartemarke mit einer Nummer. Wird sie aufgerufen, kümmert sich eine Verkäuferin oder ein Verkäufer um Dich. Du suchst aus, was Du kaufen möchtest, und die Sachen werden zu einer Abholstelle gebracht. Du selbst bekommst einen Zettel mit den Details Deines Kaufs.


Mit diesem Zettel gehst Du zur Kasse und bezahlst. Mit der Rechnung gehst Du zur Abholstelle, und erst dort bekommst Du Deinen Artikel ausgehändigt.


Wer es aus Deutschland gewohnt ist, die Ware selbst aus dem Regal zu nehmen und an einer einzigen Kasse zu bezahlen, sieht hier einen kleinen Staffellauf. Für die Menschen in Paraguay ist es schlicht der normale Ablauf. Keiner der beiden Wege ist falsch. Sie sind nur an verschiedenen Orten gewachsen.


Gewohnheiten sind wie Trampelpfade

Stell Dir eine Plaza vor, eine große grüne Fläche mit ordentlich angelegten Wegen. Und quer über den Rasen zieht sich ein schmaler Streifen roter Erde. Irgendwann ist jemand diese Abkürzung gelaufen, dann der Nächste, dann viele. Heute sieht der Pfad aus, als hätte ihn jemand geplant.


So entstehen auch unsere Gewohnheiten. Sie sind bequem, sie sparen Zeit und Kraft. Das ist ihr großer Vorteil. Ihr Nachteil: Wir halten sie irgendwann für den einzigen Weg über den Platz.


Gewohnheiten hinterfragen im ganz normalen Alltag

Dafür musst Du nicht auswandern. Der Satz ?Das haben wir schon immer so gemacht? wohnt in jedem Büro, in jeder Familie und in jeder Küche.


Vielleicht ist es die Art, wie in Deiner Familie Weihnachten gefeiert wird. Vielleicht die Besprechung am Montagmorgen, die seit Jahren gleich abläuft. Vielleicht Deine Einkaufsrunde, Dein Sonntagsablauf oder die Antwort, die Du immer gibst, wenn jemand Dich um einen Gefallen bittet.


Manches davon trägt Dich gut. Rituale geben Halt, Routinen im Alltag entlasten den Kopf. Anderes steht nur da, wo es steht, wie ein Schaukelstuhl, der seit Jahren in derselben Ecke der Veranda wartet, weil ihn nie jemand verrückt hat. Vielleicht steht er dort tatsächlich am besten. Vielleicht wäre am Fenster mehr Licht.


Hinterfragen heißt nicht wegwerfen

Wenn Du Gewohnheiten hinterfragst, musst Du nicht alles umkrempeln. Oft reicht ein kleiner Perspektivwechsel:

Manchmal stellst Du fest, dass Dein Trampelpfad genau richtig ist. Dann gehst Du ihn weiter, nur eben mit offenen Augen. Hinterfragen heißt dann nicht wegwerfen, sondern bewusst Ja sagen.


Ein Leben in einem anderen Land zeigt einem die eigenen Selbstverständlichkeiten wie unter einem Vergrößerungsglas. Aber auch zu Hause sind sie da, in jedem Tag, an jeder Kasse, an jedem Küchentisch. Es lohnt sich, ab und zu stehen zu bleiben und zu schauen, wer diesen Pfad eigentlich angelegt hat.


Welche kleine Selbstverständlichkeit in Deinem Alltag ist vielleicht nur eine Gewohnheit, die Du nie hinterfragt hast?


Möchtest Du solche Impulse gesammelt in Deinem Postfach haben? Jeden Sonntag schicke ich Dir die Gedanken der Woche, kleine Denkanstöße für Deinen Alltag, erzählt mit Geschichten aus Paraguay. Hier kannst Du Dich eintragen: https://sonjapedia.substack.com/


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