Hilfe annehmen lernen, ohne Dich klein zu fühlen: ein Umzug nach Paraguay, das Guaraní-Wort Jopói und eine kleine Frage für Deinen ganz normalen Alltag.
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Kennst Du diesen Satz, der schneller herausrutscht, als Du nachdenken kannst? ?Danke, geht schon.? Du sagst ihn, wenn jemand Dir an der Kasse beim Einpacken helfen will, wenn eine Kollegin anbietet, eine Aufgabe zu übernehmen, oder wenn Dir zu Hause jemand die schwere Tasche abnehmen möchte. Hilfe annehmen lernen klingt nach einer Kleinigkeit. Für viele von uns ist es eine der schwersten Übungen überhaupt.


Ich lebe seit fast fünf Jahren im Großraum Asunción, und Paraguay hat mir diese Übung gleich am Anfang gestellt, ohne mich zu fragen.


Warum Hilfe annehmen so schwerfällt

Um Hilfe zu bitten fühlt sich oft an, als stündest Du mit leeren Händen vor einem fremden Tor. Du weißt nicht, ob jemand aufmacht. Du fragst Dich, was Du dafür schuldig bist. Und irgendwo im Hinterkopf flüstert eine Stimme, dass Du es eigentlich allein schaffen müsstest.


Im neuen Land wird dieses Gefühl lauter. Plötzlich brauchst Du Hilfe bei Dingen, die früher selbstverständlich waren: beim Amt, bei der Sprache, beim richtigen Laden für eine Schraube. Und genau dort merkst Du, dass das Tor oft längst offen steht. Du musst nur hindurchgehen.


Der Tag, an dem unser Container ankam

Als unser Container ankam, standen all die Kartons vor uns, in denen unsere Sachen verpackt waren. Beim Ausladen packte mein Mann mit an, und die Packer der Spedition hatten ihn dabei genau im Blick. Er war das Klima noch nicht gewöhnt, und sie achteten sehr darauf, dass er sich nicht übernahm. Sie zwangen ihm Pausen förmlich auf und sorgten dafür, dass er genug Tereré trank. Mich übrigens auch.


Niemand hatte darum gebeten. Die Hilfe kam nicht als höfliches Angebot, das man ablehnen kann, sondern als freundliche Anordnung. Und genau das machte es so leicht, sie anzunehmen.


Jopói: Geben mit offenen Händen

Im Guaraní gibt es dafür ein schönes Wort: Jopói. Es beschreibt das Geben mit offenen Händen, eine Gegenseitigkeit, bei der niemand nachrechnet.


Am besten verstehst Du es in einer Tereré-Runde. Einer füllt die Guampa mit kaltem Wasser auf und reicht sie weiter. Jeder trinkt, gibt sie zurück, und die Runde dreht sich weiter. Niemand führt Buch darüber, wer wie oft dran war. Hilfe annehmen heißt in diesem Bild nichts anderes, als dass Du mit in der Runde sitzt. Du bist nicht der Gast, der etwas schuldet. Du gehörst dazu.


Hilfe annehmen lernen im ganz normalen Alltag

Dafür musst Du nicht auswandern. Die meisten Gelegenheiten liegen direkt vor Dir: die Nachbarin, die anbietet, Deine Pakete anzunehmen. Der Kollege, der fragt, ob er die Präsentation übernehmen soll. Die Freundin, die einfach vorbeikommen will, wenn Dir alles zu viel wird.


Ein Fischernetz hält, weil viele Knoten zusammenarbeiten. Keiner davon muss das ganze Gewicht allein tragen. So ist es auch in Deinem Alltag. Wenn Du Hilfe annimmst, nimmst Du niemandem etwas weg. Du machst das Netz stärker, und beim nächsten Mal bist Du vielleicht der Knoten, der hält.


Drei kleine Schritte können helfen:


Manchmal braucht es jemanden, der Dir die Pause einfach verordnet und Dir die Guampa in die Hand drückt. Die Packer an unserem Container haben uns damals mehr geschenkt als ein paar Stunden Ruhe. Sie haben gezeigt, dass Annehmen nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern mit Vertrauen.


Bei welcher kleinen Sache könntest Du diese Woche Hilfe annehmen, statt alles allein zu tragen?


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