Lebensregeln für den Alltag im Realitätscheck: wo fünf bekannte Sätze stimmen, wo sie zu kurz greifen und was wirklich in Deiner Hand liegt.
Auf meinem Bildschirm landete diese Woche eine Grafik mit fünf Lebensregeln, schwarze Schrift auf grauem Grund. Solche Lebensregeln für den Alltag klingen gut, solange man sie nicht prüft.
Ich habe sie geprüft, eine nach der anderen, mit dem Blick einer Frau, die mit Anfang fünfzig noch einmal von vorn angefangen hat. Beim zweiten Lesen fiel mir auf: Die fünf Regeln sagen im Grunde eine einzige Sache: "Sortier, was in Deiner Hand liegt, und lass den Rest ziehen."
Die erste Regel will, dass Du mit dem Gestern abschließt, damit es Dir nicht das Morgen verdirbt. Einverstanden. Nur wird daraus schnell ein Wegschieben. Wer sein Gestern einfach zuklebt, merkt oft erst später, dass darunter noch etwas liegt. Frieden heißt für mich: Ich weiß, was passiert ist, und es entscheidet nicht mehr mit. Das Gestern sitzt mit am Tisch, aber es hat keine Stimme mehr.
Was andere über Dich denken, kannst Du nicht steuern. Insoweit stimmt die Regel. Ein Freibrief ist sie trotzdem nicht. Wir leben mit Menschen, nicht neben ihnen, und manche Rückmeldung ist unbequem, weil sie stimmt. Ich trenne inzwischen zwei Dinge: das Gerede von Leuten, die mich nicht kennen, und den Satz von jemandem, der es gut mit mir meint. Das Gerede zieht vorbei wie eine Wolke. Über den Satz lohnt es sich nachzudenken, auch wenn er zwickt.
Ein Vergleich tut so, als stünden alle an derselben Startlinie, mit demselben Rucksack und unter demselben Himmel. Das tut niemand. Die Nachbarin mit dem schöneren Garten hat vielleicht schlicht mehr Zeit oder Du mehr Lust auf Unkraut. Du siehst ihr Ergebnis, nicht ihren Tag. Einen Vergleich zwischen zwei Leben, von denen Du nur eines kennst, nämlich Deines, kannst Du nicht gewinnen.
4. Eine Sorge hat genau eine AufgabeOb die meisten Sorgen tatsächlich nie eintreffen, kann ich nicht nachzählen. Ich weiß aber, wofür eine Sorge taugt. Vor unserem Umzug nach Paraguay hat mich eine Frage lange begleitet: Kommt der Container mit unserem Hausrat heil an, mit allem, was darin ist?
Den Weg übers Wasser konnte ich nicht steuern. Was ich steuern konnte, war eine einzige Entscheidung, nämlich Profis die Arbeit machen zu lassen, die wissen, was sie tun, und ihnen dann auch zu vertrauen. Die Sorge hatte also eine nützliche Aufgabe, nämlich mich zu dieser Entscheidung zu bringen. Jedes Grübeln danach war Wetterbeobachtung.
5. Verantwortung für Dein Glück heißt nicht, alles allein zu tragenDie fünfte Regel ist die strengste, und sie hat einen Haken. Der Satz, Du allein seist für Dein Glück verantwortlich, ist bequem, vor allem für die, denen es gerade gut geht. Wer krank wird oder seinen Job verliert, hat sein Glück deshalb nicht verspielt. Ich lese die Regel deshalb so: Du bist verantwortlich für das, was Du mit Deinem Wetter machst, nicht für das Wetter selbst.
Und manchmal ist die verantwortungsvollste Entscheidung genau die, Verantwortung abzugeben, an Menschen, die etwas besser können als man selbst. Mein Container ist dafür das beste Beispiel.
6. Das Wetter gehört Dir nicht, der Tank schonAuf vielen Häusern in Asunción steht ein Wassertank. Wenn ein Sommergewitter aufzieht, kann niemand den Regen bestellen oder abbestellen. Ob ein Tank da ist, entscheidet man vorher. Er entscheidet, ob Du bei einem Stromausfall, der bei und nach Gewittern vorkommen kann, dennoch Wasser nutzen kannst, wenn auch mit weniger Druck in der Leitung, oder nicht.
So lese ich alle fünf Regeln zusammen, und im Alltag sieht das ganz unspektakulär aus. Der spitze Satz der Kollegin gehört ihr. Wie lange Du ihn abends noch mit Dir herumträgst, gehört Dir. Die Nebenkostenabrechnung kommt, wann sie will. Ob Du sie aufmachst oder drei Tage im Flur liegen lässt, entscheidest Du.
Fünf Regeln auf grauem Grund, und am Ende bleibt eine Frage, die in jede Hosentasche passt: Ist das mein Wetter oder mein Tank? Sie klingt schlicht und erspart Dir eine Menge Wetterbeobachtung.
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