Kleine Erfolge im Alltag statt Wettkampf: Warum drei kleine Siege pro Tag reichen, was mich am Wort Sieger stört und wie Du die Idee ohne Druck testes
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Vor mir liegt eine Buchseite mit gelbem Textmarker. Sinngemäß ist dort zu lesen, dass Du jeden Tag drei Siege brauchst:

Der erste gilt dem Körper, zum Beispiel mit Gehen oder Schwimmen.

Der zweite gilt dem Kopf, mit Lesen oder Schreiben.

Der dritte gilt der Seele, mit Gebet, Meditation oder innerem Wachsen.

Am Ende steht ein Ausruf, man solle ein kompletter Gewinner sein.


Ich mag die Idee grundsätzlich: Kleine Erfolge im Alltag werden unterschätzt, vor allem in anstrengenden Phasen. Trotzdem hat mich die Seite nicht losgelassen, und das aus einem anderen Grund. Also habe ich mir fünf Fragen gestellt, die ich lieber nicht beantwortet hätte.


Warum spricht mich das überhaupt an?

Die Idee teilt den Tag in Portionen, die man schaffen kann. Wer in einem neuen Land lebt, kennt Tage, an denen nichts von dem klappt, was man sich vorgenommen hat.


Die Behörde schickt Dich mit ?vuelva mañana? nach Hause, das Formular ist das falsche, und um zwei Uhr mittags ist es zu heiß für einen klaren Gedanken. An solchen Tagen hilft kein großer Plan. Was hilft, ist ein Haken hinter etwas Kleinem.



Was war mein erster echter Sieg in Paraguay?

Es war ein Chat. Nach einer Störung habe ich zum ersten Mal auf Spanisch mit meinem lokalen Telefonanbieter geschrieben. Am Ende war die Störung behoben, und der ganze Austausch lief auf Spanisch.


Von außen betrachtet ist das eine Kleinigkeit. Für mich war es ein Pokal. Spannend finde ich im Rückblick, wie unscharf die Grenzen zwischen den drei Siegen sind. Natürlich war das Arbeit für den Kopf, schließlich ging es um Sprache. Wer in einer fremden Sprache ein Problem löst, beruhigt aber nebenbei auch etwas in sich, das tiefer sitzt als die Grammatik.


Was stört mich an der Idee?

Ein einziges Wort: Sieger. Zu einem Sieg gehört eine Wertung, und meistens auch jemand, der verliert. Wenn ich abends Bilanz ziehe und nur zwei von drei Haken finde, habe ich dann verloren?

Wer seinen Tag in Siege und Niederlagen einteilt, macht aus dem Leben eine Tabelle, und in Tabellen verliert man irgendwann immer.


Von solchen Strichlisten haben die meisten von uns ohnehin genug. Da ist der Schrittzähler am Handgelenk, die Lernapp mit der Flamme, die nicht erlöschen soll, und die Aufgabenliste, die nie leer wird. Eine freundliche Idee wird schnell zur nächsten Prüfung, wenn man sie zu wörtlich nimmt.


Brauche ich wirklich jeden Tag alle drei?

Ehrlich gesagt nein. An manchen Tagen reicht ein einziger Sieg, und an manchen Tagen braucht der Körper Pause statt Bewegung. Ich lese die Liste lieber als Speisekarte, nicht als Pflichtprogramm. Mein Blick geht dabei über eine Woche statt über einen Tag. Hat jeder der drei Bereiche irgendwo seinen Platz gefunden, war es eine gute Woche, auch wenn der Mittwoch leer geblieben ist.


Wie klein darf ein Sieg sein?

Kleiner, als Du denkst. Zehn Minuten zu Fuß zum Bäcker statt mit dem Auto. Eine Seite in einem Buch vor dem Einschlafen. Drei tiefe Atemzüge am offenen Fenster, bevor Du den Laptop aufklappst. Ob Du in Asunción lebst oder in Bielefeld, spielt dabei keine Rolle. Ein Sieg muss nicht beeindrucken, er muss nur stattfinden.


Kleine Erfolge im Alltag, ganz ohne Tabelle

Wenn Du die Idee ausprobieren magst, dann mit einer einzigen Regel:


Schreib abends nur auf, was da war, was Du tatsächlich umsetzen oder erledigen konntest.


Was gefehlt hat, steht ohnehin schon groß genug in Deinem Kopf. Nach einer Woche liest Du Deine Notizen und schaust, welcher Bereich von allein auftaucht und welcher ein bisschen Einladung braucht.


Den Spruch auf der Buchseite würde ich heute anders enden lassen. Statt eines kompletten Gewinners wünsche ich mir einen Menschen, der abends weiß, dass der Tag nicht leer war. Mir reicht das vollkommen.


Welcher kleine Erfolg von heute hätte ein bisschen mehr Deiner Aufmerksamkeit verdient?


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