In Paraguay bedeutet "gleich um die Ecke" manchmal zwei Stunden Fahrt. Was Auswanderer über Entfernungsangaben wissen sollten, bevor der Tank leer ist.
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Es war nicht das erste Mal, dass ich mich verfahren hatte. Aber es war das erste Mal, dass ich verstand, warum.


Wir hatten gefragt, wie weit es noch sei. Die Antwort kam prompt und freundlich: "Aquí cerquita nomás." Gleich hier, ganz nah. Der Mann lächelte dabei so überzeugend, dass ich keinen Moment daran zweifelte. Zwei Stunden später saßen wir immer noch im Auto.


Paraguay hat eine eigene Beziehung zu Entfernungen. Und wer das nicht weiß, zahlt Lehrgeld. Manchmal mit Zeit. Manchmal mit Nerven. Und manchmal, wenn man Pech hat, mit einem leeren Tank irgendwo auf einer Landstraße, auf der sich die nächste Tankstelle als genauso "gleich um die Ecke" herausstellt wie alles andere.


Das Grundprinzip ist schnell erklärt. Paraguayer geben selten zu, dass sie etwas nicht wissen. Das ist keine Unehrlichkeit, das ist Kultur. Eine Antwort zu verweigern oder zuzugeben, dass man keine Ahnung hat, fühlt sich unhöflich an. Also wird geantwortet. Freundlich, bestimmt und mit einem Lächeln, das jeden Zweifel im Keim erstickt.


Das Problem ist: Die Antwort muss nicht stimmen.

"Um die Ecke" kann fünf Minuten bedeuten. Oder zwanzig. Oder zwei Stunden auf einer Straße, die auf keiner Karte eingezeichnet ist. "Cerca" ist kein Maß, es ist eine Haltung. Und "un ratito", also ein kleines Weilchen, ist so dehnbar wie altes Gummi.


Als Auswanderin habe ich gelernt, Entfernungsangaben hier grundsätzlich mit einer großen Portion Skepsis zu begegnen. Nicht weil die Menschen lügen würden, sondern weil ihre Wahrnehmung von Distanz und Zeit schlicht eine andere ist als meine. Wer sein ganzes Leben in einem Land verbracht hat, in dem weite Strecken normal sind, denkt über eine Stunde Fahrt anders als jemand, der aus Mainz kommt, wo alles irgendwie nah beieinander liegt.


Was ich seitdem immer mache: Nachfragen. Konkret. Wie viele Kilometer ungefähr? Wie lange mit dem Auto? Gibt es unterwegs eine Tankstelle? Und dann rechne ich zur Sicherheit noch ein Drittel drauf, sowohl bei der Zeit als auch bei der Strecke.


Und der Tank? Der ist voll, bevor wir losfahren. Immer. Das klingt vielleicht übervorsichtig. Aber wer einmal mit der Nadel auf Reserve durch die paraguayische Pampa gerollt ist und dabei gebetet hat, dass die nächste Tankstelle wirklich "gleich um die Ecke" ist, der macht das kein zweites Mal.


Es ist übrigens eines der Dinge, die ich inzwischen mit einem Schmunzeln sehe. Paraguay hat mich gelehrt, langsamer zu werden, flexibler zu denken und aufzuhören, die Welt mit europäischen Maßstäben zu messen. Auch wenn dieser Lernprozess manchmal teurer war als geplant.


Wenn du gerade am Anfang deines Lebens im Ausland stehst und solche kleinen, aber folgenreichen Unterschiede noch vor dir hast, dann ist ein ehrliches Gespräch manchmal der kürzeste Weg. Einer, der wirklich kurz ist.

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