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Identittssuche einer deutschen Auswanderin in Paraguay


Die Sonne brennt gnadenlos auf die staubigen Straen von Asuncins Viertel ?Mercado 4?. Ich halte die Hand ber die Stirn und blinzle geblendet von der Helligkeit in die grelle Flut der Farben an den Marktstnden. Spanische und Guaran-Wortfetzen wirbeln durch die Luft, vermischt mit dem kehligem Hupen eines berladenen, uralten Busses, der eine schwarze Ruwolke hinter sich herzieht.


Fr einen Moment verliere ich mich: Hitze, Lrm, Gerche ? es ist alles einfach zu viel. Das ist meine neue Realitt, tausende Kilometer entfernt von den ordentlichen, ruhigen Straen meiner frheren Heimatstadt Mainz.


?Wie bin ich blo hier gelandet?? Diese Frage begleitet mich fast tglich. Und die Antwort ist gleichzeitig simpel und doch kaum greifbar:


Ich bin eine deutsche Auswanderin in Paraguay. Aber ich bin auch eine Sammlerin von Interessen, eine Jgerin der Neugier, eine Wanderin durch die unterschiedlichsten Wissenswelten. Diese beiden Seiten ? das geografische Fremdsein und mein inneres Kaleidoskop ? ergeben ein buntes Gewebe aus Widersprchen, das ich Stck fr Stck entwirre.


Kommt mit ? auf einen Streifzug durch mein geteiltes Ich.

Die Entscheidung, nach Paraguay zu ziehen, war kein spontaner Einfall. Ich erinnere mich gut an den Abend, an dem mein Mann und ich am Kchentisch in Mainz saen ? umgeben von ausgedruckten E-Books ber Auswandern, digitale Nomaden, Sdamerika und einem Laptop, der nicht mehr wusste, welche Seite er zuerst laden sollte.


?Seid ihr euch sicher?? fragte meine Mutter am Telefon, ihre Stimme voller Besorgnis. Nein. Sicher waren wir nicht. Aber wir sprten, dass uns das Leben in Deutschland die Luft abschnrte. Wir wollten etwas anderes ? etwas, das uns fordert, uns wachrttelt, uns verndert.

?Wir mssen das machen?, sagte ich. Zu ihr. Und zu mir selbst.


Die ersten Monate in Paraguay waren ein Wirbelsturm der Gefhle. Hitze, Sprache, Essen ? alles fremd, alles aufregend. Ich strzte mich ins Spanischlernen, mit der Energie einer Forscherin auf Schatzsuche.

(Rckblickend wei ich: Das war nicht nur Lernlust, das war berlebensinstinkt ? und typisch fr mich. Wenn mich etwas fasziniert, kratze ich nicht nur oberflchlich am Thema, nein, ich strze mich kopfber hinein, mit Haut und Haaren.)


Langsam formte sich ein Alltag. Wir fanden eine Wohnung, kauften sie, lernten neue Menschen kennen, reisten durchs Land. Von auen sah alles gut aus. Doch innen brodelte es. Leise, aber stetig.

Denn ich bin ein Mensch mit tausend Interessen. In Deutschland konnte ich an einem Tag Opern von Lully hren und am nchsten ber Stringtheorie-Dokus grbeln. Fr jede schrge Leidenschaft gab es Gruppen, Treffen, Gleichgesinnte.


Und hier? Vieles lief nur noch ber das Internet. Aber der Bildschirm ersetzt kein echtes Gegenber, keinen tiefen Austausch ber Impressionisten oder Schmetterlinge, die nur in einem bestimmten Tal vorkommen.


Der Spagat zwischen meinem neuen Leben und meiner inneren Welt wurde immer grer. Ich fhlte mich wie zwei Menschen: auen die neugierige Auswanderin, innen das wissensdurstige Chamleon, das nach geistiger Nahrung hungerte ? und sich dabei immer fter nach Paris oder dem Rheinufer zurcksehnte.


Manchmal wurde dieser innere Riss zu einem tiefen Loch. Ich sa dann in einem Caf, umgeben von freundlichen Stimmen, aber weit weg. In Gedanken radelte ich durch den Mainzer Sommerabend am Rhein entlang.

?Ests bien? Alles in Ordnung?? fragte mein Mann, wenn er meinen Blick verlorengehen sah. ?S, solo estoy pensando?, antwortete ich.

Doch wie sollte ich erklren, dass ich nicht nur ein Land vermisste, sondern auch Teile meiner selbst, die langsam verblassten?

In einem dieser melancholischen Momente fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Warum meine vielen Interessen als Hindernis sehen? Warum sie nicht als Brcke nutzen ? zwischen dem, was war, und dem, was ist?


Ich begann, Paraguay mit derselben Neugier zu entdecken, wie ich frher Bach-Fugen oder Philosophie durchforstete. Ich las ber Geschichte, Natur, Politik, Kunst ? mit derselben Leidenschaft wie einst ber seltene Sprachen. Pltzlich entstanden Verbindungen: Die paraguayische Harfenmusik erinnerte mich an barocke Klangwelten. Die politischen Wirrungen riefen mein Interesse fr die Badische Revolution wach.


Ich teilte meine Themen mit anderen ? nicht immer einfach, aber lohnend. Noch heute habe ich Momente, in denen mich eine beilufige Erwhnung deutscher Kultur tief trifft. Dann tut das Herz weh, ohne dass ich genau sagen kann, warum.


Ich erinnere mich an einen besonders schweren Abend. Zwei Jahre war ich nun schon hier, als ich Weihnachtsbilder meiner Familie sah ? Weihnachtsbaum, gebratene Gans, das vertraute Kerzenlicht am Adventskranz. Unerreichbar fern. Ich klappte den Laptop zu und trat auf unseren Balkon. Der Duft von Jasmin lag in der warmen Nacht. Und da stand ich ? mit all meinen Entscheidungen, meinen Gedanken und meinen Gefhlen. ?War es das wert?? flsterte ich.


Die Antwort kam nicht sofort. Vielleicht kommt sie nie ganz. Doch ich verstand in diesem Moment: Ich bin nicht nur Deutsche, nicht nur Auswanderin, nicht nur Hobby-Sammlerin. Ich bin alles zusammen.

Von da an versuchte ich, alle Seiten meines Ichs bewusst zu leben:


? Die Gegenstze feiern: Statt mich zu entscheiden, koche ich heute Gulasch mit Sopa Paraguaya. Hre Beethoven bei einem Becher Terer.

? Interessen teilen: Wer wei, welche Tren sich ffnen, wenn man wagt, seine Leidenschaften zu zeigen?

? Heimat bewahren: Deutsche Feiertage feiern, mit Familie zoomen, Nachrichten lesen ? das gibt Halt, auch wenn es weiterhin schwer fllt, bei 35 Grad Auentemperatur oder wrmer, die Wohnung weihnachtlich zu schmcken.

? Lokales entdecken: Klassische Konzerte in Asuncin, oft sogar kostenlos. Ein echtes Geschenk.

? Den eigenen Blickwinkel nutzen: Mein bunter Hintergrund bringt Perspektiven, die andere vielleicht bersehen.

? Geduld haben: Sich neu zu verorten ist ein Prozess. Kein Sprint, sondern ein Tanz.

? Weiterlernen: Wer neugierig bleibt, findet berall neue Welten.


Heute sitze ich in meinem Lieblingscaf in Asuncin und blicke zurck. Die Frau, die vor mehr als drei Jahren Mainz verlie, ist kaum wiederzuerkennen. Ich habe gelernt: Mein Leben ist kein Widerspruch, sondern ein Puzzle. Und die vielen Teile ergeben ein Bild, das immer lebendiger wird.


Es gibt sie noch, diese Zweifel. Aber sie wiegen weniger als das, was ich gewonnen habe: eine neue Sicht auf die Welt ? und auf mich selbst.

Mein Rat an alle, die hnliches erleben? Habt den Mut, kompliziert zu sein. Ihr msst euch nicht entscheiden. Lasst eure Interessen leuchten, gerade wenn sie nicht ins Bild passen.


Denn ja, das Leben als Auswanderin ist kein Spaziergang. Und mit einem Kopf voller Leidenschaften kann es sich manchmal wie ein Labyrinth anfhlen. Aber genau dort, im Gewirr, liegt der Schatz: persnliches Wachstum, ein weiter Horizont, und Geschichten, die man sonst nie erlebt htte. Ich bin Deutsche. Ich bin Wahl-Paraguayerin. Ich liebe klassische Musik, die Natur, das Denken, das Reisen ? und noch tausend andere Dinge. All das bin ich. Und genau da, im wilden Wirrwarr dieser Identitten und Sehnschte, habe ich mein Zuhause gefunden.